Halbmarathon – dabei sein zählt

good luck

Im Oktober 2019 stehe ich als Helferin im Einsatz beim SwissCityMarathon Lucerne. Da taucht ein Reporter der lokalen Zeitung auf und die Freundin an meiner Seite sagt sehr bestimmt zu ihm: „Nächstes Jahr stehen wir als Läuferinnen am Start vom Halbmarathon“. Ich schlucke leer und lächle tapfer in die Kamera. Doch so abwegig ist die Idee gar nicht, der Swiss City Marathon Luzern ist ein grandioser Event.

Zuletzt bin ich 2012 einen Halbmarathon gelaufen. Ebenfalls in Luzern und bei garstigen Wetterbedingungen mit Schnee und Kälte. So fit wie damals war ich seither nie mehr.

Wer A sagt, muss auch B sagen und wir melden uns pflichtbewusst für den Lauf 2020 an.

Abgesagt

Nun, der Virus macht unserem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung, die Veranstaltung wird abgesagt und mein Halbmarathon-Startplatz auf 2021 übertragen. Die Freundin, die mir das Ganze eingebrockt hat, verabschiedet sich aus dem Projekt. Sie kümmert sich um ihre Familienplanung, da kann ich ihr nicht böse sein.

Ich laufe seit Jahren regelmässig meist 1x pro Woche, selten mal länger als 10 km. Eine schnelle Läuferin bin ich nicht, eher so Team "Schnecke". Mein Wohlfühl-Tempo liegt bei 7 Minuten pro Kilometer und das ist völlig ok für mich, da sind absolut keine Ambitionen vorhanden, um schneller oder besser zu werden. Meine Challenge besteht nun darin, mit überschaubarem Trainingsaufwand einen Halbmarathon ohne Schmerzen und mit Spass zu rennen. 

Es läuft rund

Noch bleiben mir 10 Monate bis zum grossen Tag. Ich versuche nun, wenn möglich wenigstens 2x pro Woche zu laufen, das gelingt mir jedoch längst nicht immer. Im Verlauf des Jahres steigere ich die Longjogs bis auf 18 km, die Halbmarathondistanz von 21,0975 Kilometer bewältige ich im Training nie.

Mein wöchentlicher Fixpunkt ist der Lauftreff am Mittwochabend, den lasse ich nur im Notfall sausen. Ich bin gerne in Gesellschaft unterwegs, das macht mir Spass. Mal ist es eine gemütliche Plauderrunde, dann und wann werde ich richtig gefordert und definitiv sind hier schon schöne Freundschaften entstanden. Auch lassen sich immer problemlos Trainingspartner und Pacemaker für einen längeren Weekend Run finden.


Wings for Life World Run

Du startest mit Tausenden Menschen weltweit zur selben Zeit. Du läufst so lange, bis dich der Catcher Car einholt. Und du tust das alles nicht nur für dich, sondern auch für die gute Sache. 100 % deines Startgeldes gehen in die Rückenmarksforschung und helfen, Querschnittslähmung zu heilen.


Ich mag Yoga als Ausgleich zum Ausdauersport und zur Förderung meiner Beweglichkeit. Zu diesem Thema findest du auf dem Blog Beiträge wie die Yoga Challenge, den Yogaweg im Tessin und mein Yoga Retreat in Grindelwald.

Velofahren ist ein fester Bestandteil in meinem Leben und meine wöchentliche Indoor-Cycling Stunde ist mir heilig. Im Juli bin ich zudem 10 Tage mit dem Mountainbike auf den Azoren unterwegs, das hügelige Gelände ist auf jeden Fall ein gutes Training.


Zum Davonlaufen

Alles läuft gut mit meiner Vorbereitung, ich nähere mich im Training langsam der 20 km Marke und bin total motiviert. Dann, 2 Monate vor dem Halbmarathon, fange ich mir bei einem „Beinahe-Sturz“ auf dem Mountainbike eine blöde kleine Zerrung ein. Nichts Schlimmes und doch bin ich längere Zeit etwas beeinträchtigt. Es wäre zu schön gewesen, wenn ich ohne gesundheitliche Probleme durch das Jahr gekommen wäre.

Von da an wendet sich das Blatt nur leider nicht zum Guten. Die Motivation geht flöten, das Training lasse ich schleifen und der innere Schweinehund bekommt eine sehr laute Stimme. Ich finde problemlos Ausreden, nicht zu joggen. Zwar glaube ich weiterhin an mein Ziel, aber mir ist bewusst, das wird kein Zuckerschlecken.

Die Zeit läuft

Inzwischen flattern fast täglich Mails mit Infos vom Veranstalter in meine Mailbox und auf Social Media werde ich geflutet mit Beiträgen zum Event. Nun bloss keine Panik aufkommen lassen, das wird schon.

Am Tag vor dem Lauf hole ich meine Startnummer persönlich ab. Man könnte sich diese zuschicken lassen, doch irgendwie mag ich dieses Ritual, dabei kommt Vorfreude auf. Das Finisher-Shirt wird dieses Jahr bereits vor dem Lauf abgegeben. Ob es Unglück bringt, dieses am Wettkampf anzuziehen? Ich fordere das Glück nicht heraus.


Die Dinge laufen lassen

Der 31.10.2021 ist ein prachtvoller Herbsttag, wie er schöner nicht sein könnte und die Temperaturen schreien nach Kurzarm-Shirt. Dank der Zeitumstellung kann ich erst noch eine Stunde länger schlafen. Eine kurze Zugfahrt bringt mich nach Luzern und mit dem Shuttle-Schiff erreiche ich das Startgelände.

Coronabedingt ist alles etwas anders als sonst. Es gibt ein Check-in (Prüfung COVID-Zertifikat) und statt Garderoben steht lediglich ein Gepäckdepot zur Verfügung. Dann folgt das Boarding und schon heisst es ab an den Start. Alle 2 Sekunden geht die Ampel auf Grün und einer der rund 6700 Läufer wird auf die Strecke geschickt. Also kein Massenstart, keine nach Lauftempo gestaffelten Startblöcke und keine Pacemaker. Die Startzeit konnte man vorgängig selbst auswählen und so laufe ich in einem bunt gemischten Feld. Für langsame Läufer ist das (psychologisch) eher ein Nachteil, ich werde die ganze Zeit eigentlich nur überholt.

Die ersten 5 km sind easy, da wirkt noch das Adrenalin. Dann merke ich, es läuft nicht gut, meine Beine wären anscheinend lieber auf einem Liegestuhl am Strand. Mist, das habe ich nicht so früh erwartet. Aufgeben ist keine Option, gemütlich spule ich Kilometer um Kilometer ab, doch die Gehpausen bei den Verpflegungsstellen werden immer länger. Bewusst schaue ich nie auf die Uhr, ich nehme mir die Zeit, die ich brauche.

Die Stimmung ist super, überall zufriedene Gesichter. Unzählige Zuschauer feuern die Läufer an, es wird geklatscht, Transparente werden hochgehalten, Musik dröhnt aus Boxen und teilweise wird auch live musiziert. Mir begegnen Tarzan und eine Banane, allerdings sieht man weniger Verkleidung als in anderen Jahren.

Vom Start aus führt die Strecke entlang den traditionsreichen Luxushotels der Stadt und der Hofkirche. Mit Sicht auf die Kapellbrücke und den Wasserturm rennt man auf der anderen Seeseite vorbei am Kultur- und Kongresszentrum Luzern. Weiter geht es mit Blick auf das imposante Bergpanorama der Zentralschweiz entlang des Vierwaldstättersees um die Horwer Halbinsel. Anschliessend führt die Strecke durch das moderne Fussballstadion des FC Luzern, mitten durch das KKL Luzern und durch die malerische Luzerner Altstadt zum Ziel. (swisscitymarathon.ch)

Auf der Zielgerade sichert ein Team vom Lauftreff die Strecke, sie jubeln mir zu und ich mobilisiere meine letzten Kräfte. Dann ist es plötzlich geschafft, nach 2 Stunden und 31 Minuten laufe ich durchs Ziel im Verkehrshaus und bin nur noch happy. Natürlich finde ich mich mit dieser Zeit weit hinten in der Rangliste wieder. Doch das ist mir so was von egal. Mehr lag nach meinem minimalistischen Training nicht drin.

Die Challenge ist geschafft, ich bin den Halbmarathon gelaufen, ohne Schmerzen und mit Spass. Einzig meine Beine sind eine Katastrophe, ich schleppe mich aufs Schiff und will nur noch nach Hause aufs Sofa. Abgesehen von einem Muskelkater geht es mir am nächsten Tag schon wieder blendend und denke ich zurück an den Lauf, dann bleiben ganz viel Stolz und positive Erinnerungen. Fazit für mich, alles richtig gemacht.

pain is temporary, pride is forever 

Warnung

Das war mein ganz persönlicher Weg zum Ziel. Meine Vorbereitung ist nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlen, mehr (Lauf-)Training ist der Sache bestimmt förderlich.

Ganz wichtig scheint mir, die Erwartungen an sich selber nicht zu hoch zu schrauben, nicht verbissen zu sein, das Ganze locker anzugehen und auf seinen Körper zu hören. Wenn ich das kann, kannst du das auch!

Also, falls du Lust hast, die Anmeldung für den Swiss City Marathon 2022 ist bereits offen.

4 Kommentare zu “Halbmarathon – dabei sein zählt”

  1. Super 👏💪.
    Velofahren kannst, Laufen kannst. Wenn aus dem Schwimmen auch noch was wird, so steht ja dem Triathlon nichts mehr im Weg😉

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