Poschiavo – ein winterliches Bahnerlebnis

Blick auf Poschiavo

Ehrlich gesagt ist Poschiavo (dt. Puschlav) mein Plan B. Ursprünglich habe ich für Silvester einen Flug in eine europäische Hauptstadt gebucht und diesen aufgrund der aktuellen Lage verschoben. Die Suche nach einem bezahlbaren Hotelzimmer im Oberengadin, als Alternativprogramm, führt mich schlussendlich ein Tal weiter ins Puschlav. Ist das abgelegene Valposchiavo im Winter ein lohnenswertes Ziel?

Abgelegen bedeutet nicht langweilig. Doch daran zweifle ich tatsächlich einen Moment. Ich recherchiere „Winterwanderung Poschiavo“ und erziele bei google keinen einzigen Treffer. Einzig ein Schneeschuhtrail im höher gelegenen Cavaglia wird beworben. Kaum bin ich angekommen in Poschiavo wird mir schnell klar, warum sich fast keine Wintersportler hierhin verirren. Der südliche Einfluss lässt den Schnee rasch schmelzen und trotz der Höhenlage (1000 Meter über Meer) ist hier nur an wenigen Tagen wirklich Winter.

Doch versauern muss in Poschiavo in der kalten Jahreszeit niemand. Besonders für Freunde der Eisenbahn bietet sich die Chance auf ein Bahnerlebnis der Extraklasse. Die Anreise ins Puschlav ist ein Spektakel und entschleunigt mich nach dem Weihnachtsstress ganz von selbst.

Quelle: https://bahnreise-wiki.de/wiki/Bernina-Express
RhB am Lago di Poschiavo

UNESCO Welterbe Bahnstrecke

Die Strecke durch das Albulatal und über den Berninapass ist eine Meisterleistung der Eisenbahngeschichte und wurde, als eine von nur drei Bahnstrecken, in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. Es ist die höchste und wohl beeindruckendste Alpenüberquerung auf Schienen.

Bernina Express: ein Panoramazug mit großen Fenstern - ideal, um die Schönheiten der Alpen zu bewundern. Die Reservierung eines Sitzplatzes ist obligatorisch und wird zusätzlich zum Preis des Zugtickets hinzugefügt. 

Regionalzüge: klassische Wagen mit gewöhnlichen Fenstern. Die Reservierung eines Sitzplatzes ist nicht möglich, und man bezahlt nur den Preis der Fahrkarte.

(www.thetrainline.com)

Gemäss Angaben der Rhätischen Bahn meistert der rote Zug 55 Tunnels, 196 Brücken und Steigungen von bis zu 70 Promille.


Bahnstrecke Albula (Thusis – St. Moritz)

1903 eröffnete die RhB die spektakuläre Strecke zwischen Thusis und St. Moritz nach nur fünf Jahren Bauzeit. Die rote Bahn klettert dabei über 1 000 Höhenmeter hoch – dank Solisviadukt, Landwasserviadukt oder den Kehrtunnels zwischen Bergün und Preda ohne Zahnrad. (rhb.ch)

Ich sitze gemütlich im Zug, klebe am Fenster und schaue zu, wie die Welt an mir vorbeizieht. Die rollende Minibar kommt vorbei und ich bestelle einen dampfenden Kaffee. Im schattigen Albulatal hängen Nebelschwaden tief zwischen den Hügeln. Es ist etwas mystisch und teilweise fühle ich mich wie in einem Schwarz-Weiss-Film.

Die Fahrt ist abwechslungsreich und Lautsprecherdurchsagen informieren mich über alles Wichtige. So verpasse ich weder das Landwasserviadukt noch die eindrücklichen Kehrtunnels. In Bergün ist der Bahnsteig voller Menschen in bunten Skianzügen. Die wollen alle hoch nach Preda und eine der bekanntesten Schlittelbahnen runter sausen.


Abstecher nach Muottas Muragl (Pontresina)

Zwischen Albula und Bernina gönne ich mir, trotz nicht perfektem Wetter, eine Mittagspause an einem Ort mit Aussicht. Allerdings ist die Fahrt nach Muottas Muragl in der historischen Standseilbahn ein teures Vergnügen, weder Halbtax noch Reka-Card werden angenommen. Dafür entschädigt die Aussicht, das ganze Oberengadin mit seiner Seenlandschaft liegt mir zu Füssen. Witzig finde ich die Strandkörbe, diese zaubern Farbe in die weisse Landschaft.



Bahnstrecke Bernina (St. Moritz – Tirano)

Vom mondänen St. Moritz führt die Berninalinie hinauf auf das Dach der RhB, das Ospizio Bernina auf 2 253 Meter über Meer. Bis zu 70 Promille Steigung meistert der Zug mit Leichtigkeit. Die Sicht auf den Morteratschgletscher und die weltberühmte Montebellokurve zeigen mustergültig, dass die Bahnpioniere bei der Linienführung auch an die Touristen dachten. Der Zug fährt weiter entlang dem Lago Bianco und Laj Neir bis zur Alp Grüm, dem einzigen Restaurant mit Nur-Bahn-Anschluss. (rhb.ch)

Nochmals einen Zacken mehr Spektakel bietet die anschliessende Fahrt über den Berninapass. Ein Höhepunkt jagt den nächsten während der Zug gemächlich durch die raue Bergwelt zuckelt. Aufgrund der Corona Reisebeschränkungen ist eine Fahrt bis Tirano (Italien) aktuell nur bedingt möglich. Mir ist das heute egal, in Poschiavo erwartet mich ein Hotelzimmer für 2 Nächte.


Ospizio Bernina

Definitiv mein Lieblings-Bahnhof auf der Bernina Strecke ist „Ospizio Bernina“ (2234 m ü. M.). Die Landschaft mit dem Lago Bianco ist absolut fantastisch, für mich einer der schönsten Orte der Schweiz. Da oben liegt zudem die Wasserscheide. Das Wasser aus dem Lago Bianco fliesst ins Mittelmeer. Das Nass aus dem kleineren Lej Nair hingegen, sucht sich den Weg über den Inn und die Donau ins Schwarze Meer.


Alp Grüm

Irgendwo unterwegs überquere ich die Sprachgrenze, aus dem romanischen „bun di“ wird ein italienisches „buon giorno“, vom Engadin geht die Fahrt ins Puschlav.

Der bekannte Bahnhof Alp Grüm ist nur zu Fuss oder mit der Eisenbahn erreichbar. Da die Rhätische Bahn hier eine Kurve mit wunderbarem Panorama dreht, stehen die Fotografen aufgereiht vor den Schienen und warten auf den nächsten Zug. Für die Hungrigen serviert das Restaurant die im Puschlav typischen Pizzocheri mit Mortadella.

Im Zick-Zack-Kurs geht es danach talwärts in Richtung Valposchiavo. Im pittoresken Dorf Poschiavo lohnt sich ein Zwischenhalt: Das «Spaniolenviertel» lockt mit prächtigen Palazzi und einem charmanten Dorfkern. Eine Zusatzrunde drehen Sie auf einem der bekanntesten Zeugen der Pionierleistungen: dem Kreisviadukt bei Brusio. In Tirano treffen Sie auf Palmen und südländisches Flair. (rhb.ch)

Poschiavo

Das Valposchiavo liegt abgelegen jenseits des Berninapasses im Süden Graubündens und ist gefühlt Italien näher als der Schweiz. Genau diese Abgeschiedenheit verleiht dem Ort ein spezielles Flair und einen interessanten Mix aus beiden Ländern.

Im kleinen malerischen Dorfkern stehen die katholische und die reformierte Kirche nahe beieinander und auf dem Dorfplatz findet man prächtige Villen und einige Restaurants. Gleich mehrere kleine Museen warten zudem auf Besucher.

Wert legt man auf hiesige Produkte, so gibt es das Label 100 % Valposchiavo. Beim Frühstück im Hotel werden fast ausschliesslich regionale Erzeugnisse aufgetischt. Von Käse über Joghurt bis zu Honig und Apfelsaft, alles aus dem Puschlav, sehr sympathisch. Nicht fehlen darf das Puschlaver Ringbrot mit Anis und (nicht unbedingt zum Frühstück) ein lokales Bier.

Poschiavo ist als Übernachtungsort im Winter wunderbar, insbesondere wenn man verschlafene, abgelegene, ruhige und ursprüngliche Orte mag. Und wo sonst in Graubünden (oder der Schweiz) bekommt man eine Pizza Napoli serviert für CHF 12.00 inklusive Plauderei mit dem Chef des Hauses.


Lago di Poschiavo

Ein wunderbares Ausflugsziel (auch im Winter) ist der märchenhafte Lago di Poschiavo. Dieser lässt sich auf einem zweistündigen Spaziergang umrunden. Der See wurde durch einen Bergsturz aufgestaut und am Ostufer fährt der Bernina Express so nahe am Wasser, dass man fast die Fische nach Insekten schnappen sieht.


Zwischenstopp St. Moritz

Auf der Heimfahrt plane ich meine Mittagspause im legendären St. Moritz. Eigentlich ist Glamour, Extravaganz und Luxus nicht meine Welt. Und doch, ich mag die Gegend um St. Moritz. Schon nur der Blick vom Bahnhof auf den See ist es wert, einen Zug zu überspringen. Meine Zeit reicht für einen Spaziergang auf dem zugefrorenen Gewässer. Im März werden hier (hoffentlich) wieder über 10’000 Langlaufbegeisterte am Engadin Skimarathon über die Loipen flitzen.

Zum Abschluss lasse ich mir ein Panini und ein Stück Nusstorte im Caffé Spettacolo schmecken, direkt am Bahnhof mit Seeblick. Dann heisst es „A revair“ (auf Wiedersehen) und in den Zug steigen zurück in die Zentralschweiz. Doch noch wartet ein zweites Mal die grandiose Albulalinie auf mich und wieder werde ich am Fenster kleben.


Wer gerne Zug fährt, wird die Reise auf der Albula-/Berninastrecke bestimmt geniessen. Es lohnt sich etwas Zeit mitzubringen und den einen oder anderen Stop entlang der Strecke einzuplanen.

Ein
„bahntastisches“
Erlebnis


Kennst du den Hausberg vom Kantonshauptort in Graubünden? Nein? Dann geht es hier weiter zu meinem Beitrag aus Chur.

4 Kommentare zu “Poschiavo – ein winterliches Bahnerlebnis”

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