Mittellandroute – die Radelmädels erobern die Schweiz

Nach dem Bodensee-Königssee-Radweg ist klar, wir brauchen ein neues Projekt. Ideen haben wir viele, ich träume zum Beispiel davon, mit dem Fahrrad ans Meer zu fahren. Doch im 2020 ist alles etwas anders und wir entscheiden uns für eine Tour de Suisse. Einmal quer durch die Heimat, auf der Mittellandroute (Nr. 5) vom Bodensee bis an den Genfersee.

SchweizMobil verspricht eine spannend-gemütliche Velofahrt mit überraschenden Einblicken in die faszinierende Alltagslandschaft des Schweizer Mittellandes.

  • 375 km | 7 Etappen
  • Aufstieg | Abstieg: 2900 m | 2900 m
Mittellandroute (schweizmobil)
Mittellandroute (SchweizMobil)

Romanshorn (TG) – Wil (SG) / 40 km, 370 Hm

Die Anfahrt mit Velo und Bahn nach Romanshorn ist problemlos, da sind wir inzwischen geübt. Zuerst trinken wir einen „Start-Kaffee“ am See, meine Nichte kommt auf Inline-Skates angerauscht zum Hallo sagen. Wir können es kaum erwarten, endlich auf die Räder zu steigen und auf der Mittellandroute los zu radeln.

Die Sonne funkelt, wir strahlen, der Bodensee glitzert. Schnell sind wir raus aus Romanshorn und mitten in den Obstplantagen, wir fahren durch „Mostindien“. Einen reizenden Anblick bietet das Schloss Hagenwil. Nachher knurrt der Magen und wir packen im Naturreservat «Hudelmoos» unser Picknick aus. Bischofszell haben wir uns irgendwie grösser vorgestellt. Weiter führt der Weg entlang der Thur. Auf einem Teilstück rauscht nicht nur der Fluss, sondern auch die Autobahn in unseren Ohren.

Wir erreichen Wil, die Äbtestadt gilt als «Tor zum Untertoggenburg», da war ich tatsächlich noch nie. Das Städtchen verzaubert uns auf Anhieb und unser Bett am Weiher ist ein Schmuckstück mitten in der Altstadt.

Wie das «h» in den Wiler Weier kam

Auf die Idee mit dem «h» kam Sonja Rüegg, weil «Stadtweier» auf den braunen Wegweisern in der Stadt «falsch» aussehe. «Deshalb habe ich Schrift und Farbe übernommen und mein Projekt vorgestellt», sagt sie. Kunst im öffentlichen Raum soll nicht stören oder Platz wegnehmen, sondern vollkommen machen, ist sie überzeugt. Und weil «Weier» vom Computer immer zu «Weiher» korrigiert wird, wollte sie dem Stadtweier das fehlende «h» nun endlich zurückgeben. Früher wurde nämlich auch der Wiler Weier mit «h» geschrieben, bestätigt Ruedi Schär vom Infocenter Wil: «Historisch gab es sogar Schreibweisen mit «y», dann ohne «h», später mit und jetzt wieder ohne.» Aber seit den 60er Jahren habe sich die Schreibweise «Weier» in Wil durchgesetzt und werde sich wohl auch nicht so schnell wieder ändern.
wiler-nachrichten.ch

Wiler Weier
Stadtwei(h)er

Wil (SG) – Watt (ZH) / 80 km , 470 Hm

In der Nacht hat es geregnet und am Morgen sieht es (noch) nicht besser aus. Es hilft nichts, wir haben eine lange Etappe vor uns und müssen wohl oder übel los. Agglomeration pur, die Strecke macht Spass, wir haben die Nebenstrassen am Sonntagmorgen praktisch für uns alleine. Idyllisch der Bichelsee an der Kantonsgrenze Thurgau-Zürich.

Durchs Turbenthal kommen wir gut voran, wir folgen der Thöss. In «Schöntal» bei Rikon begegnen uns zwei Skelette und die Zirkuswagen des «Circolino Pipistrello». Kurz danach machen wir einen Fehler, die Mittellandroute umfährt Winterthur durch eine wunderbare Waldpassage, wir werden jedoch in Oberwinterthur zum Kaffee erwartet. Die Abzweigung verpassen wir und so verschaffen wir uns ein paar Extra-Kilometer auf der sonst schon langen Etappe. Egal, noch sind unsere Beine fit, das stecken wir locker weg.

Nach dem Boxenstopp fordert uns der Winterberg mit einer ordentlichen Steigung, da hilft nur absteigen und stossen. Bei Lindau pedalen wir direkt durch die Landwirtschaftsschule Strickhof. Bald sehen wir den Flughafen Zürich-Kloten, irgendwie seltsam, so fast ohne Fluglärm. Trotzdem kommt ein klein wenig Fernweh auf beim Blick auf die parkierten grossen Vögel. Bisher sind wir trocken geblieben, die Regenfront erreicht uns bei den «Chatzen-Seelein», da sind wir gottlob praktisch schon am Ziel. In Watt bei Regensdorf wartet ein Himmelbett und „Kuh-Design“ im B&B cow meets city auf uns.


Watt (ZH) – Aarau (AG) / 56 km , 210 Hm

Durchs Furttal geht es weiter auf der Mittellandroute, dem Himmel sei Dank wieder mit viel Sonnenschein. Erneut haben wir eine Verabredung, in Wettingen wartet ein Kaffee im Blumenladen auf uns. Im Anschluss folgen Baden, Brugg und Windisch. Nach dem Picknick im Wald überqueren wir die Reuss und bald erblicken wir die Aare.

Hier beginnt das attraktivste Teilstück des heutigen Tages. Dem Fluss entlang sind wir flott unterwegs, wir nähern uns schon fast dem Ziel. Doch der direkte Weg wäre langweilig, wir machen einen Abstecher nach Suhr zum Nachmittagskaffee in der Antik-Schreinerei. Jetzt aber auf nach Aarau in unser Hotel beim Bahnhof und ab in die Stadt zum Essen im Oliv. Dank unseren Beziehungen zu einem „local“ wissen wir nun, wo es in Aarau leckere Drinks gibt, nämlich im Oscar One.

Mehr zur Aargauer Kantonshauptstadt gibt es in meinem früheren Beitrag: Ausflug nach Aarau.


Aarau (AG) – Solothurn (SO) / 64 km, 320 Hm

Auf dieser Etappe kommt der Jura ins Blickfeld und die Aare schlängelt sich durchs Mittelland. Lustig ist der „Zoo am Stauwehr“, die Tierbilder sind von Malerlehrlingen erstellt worden. Markant die Dampfwolke vom Kernkraftwerk Gösgen. Kurz vor Olten durchfahren wir Trimbach, meinen Heimatort.

Am Mittag sind wir in Aarburg, einem weiteren hübschen Städtchen. Dann geht es weg von der Aare, die Landschaft in der Gunzger Allmend bei der Kiesgrube Boningen ist ein tolles Naturreservat und verblüfft uns völlig. Vorbei an einem Hopfenfeld, hier wächst also das Bier. In Aarwangen prangt das Berner Wappen an der Burg, wir sind in Kanton Nummer drei am heutigen Tag. Mit Wangen folgt noch eine Stadt an der Aare, wie Olten mit einer gedeckten Holzbrücke.

Kurz vor Solothurn wartet ein absolutes Highlight auf uns, das Attisholz-Areal. Eine stillgelegte Fabrik wird hier in einem Generationenprojekt stetig neu belebt, genau mein Ding.

Ich kann mich fast nicht sattsehen im Attisholz, doch wir wollen nach Solothurn. In der schönsten Barockstadt der Schweiz schlafen wir in einem Feng-Shui Hotelzimmer. Bin ich in Solothurn, ist die Hafebar Pflichtprogramm. Es gibt für mich fast keinen schöneren Platz, um an der Aare genüsslich ein Bier zu trinken.

Solothurn – Hafebar

Solothurn (SO) – Portalban (FR) / 84 km, 320 Hm

Erster Stopp: Storchendorf Altreu, allerdings sehen wir nur Hasen und selbst die sind nicht echt. Da sind wir zur falschen Jahreszeit vorbei gekommen. Weiter nach Büren an der Aare und danach zum Bielersee. Der Badeplatz beim Camping in Sutz kommt genau zur richtigen Zeit, Lunch aus dem Rucksack und ein Bad im kühlen Nass, das Leben kann so schön sein.

Ein Hingucker ist das Wasserkraftwerk Hagneck, die Mittellandroute führt direkt durch die Anlage. Weiter fahren wir dem Bielersee entlang bis Erlach. Es folgt die Gemüsekammer der Schweiz, es geht nach Ins, ins Grosse Moos. Abwechslung bringt die Rotary-Brücke, der Holzbogen symbolisiert den «Röstigraben» und war anscheinend eines der Herzstücke der EXPO 02. Kurz darauf entdecken wir eine Hanf-Plantage.

Inzwischen haben wir fast 80 km in den Beinen und zum Schluss kommen erst die ganzen Höhenmeter des heutigen Tages. Doch wir beissen die Zähne zusammen und geben nochmals alles. Am Etappenziel wartet der warme und klare Neuenburgersee. In Portalban übernachten wir im Motel und können mit unseren Drahteseln fast bis ins Zimmer fahren. Witzig ist das zugehörige Restaurant, ein ausgedientes Kursschiff steht auf dem Parkplatz. Wir ergattern einen Platz auf dem Deck und geniessen einen wunderbaren Abend und essen Fisch.


Portalban (FR) – Yverdon (VD) / 37 km, 150 Hm

Was für ein Start in den Tag, wir beginnen die Etappe mit einem Bad im See. Die Fahrt entlang vom Neuenburgersee ist so etwas wie unser Ruhetag. Doch irgendwie ist der Wurm drin. Zuerst sind wir enttäuscht, weil die Mittellandroute kaum einmal einen Blick aufs Wasser zulässt. In Estavayer-le-Lac ist es uns im Städtchen zu hektisch und im ruhigen Hafen bedient man uns im Restaurant nicht.

Schön ist die Fahrt durch das Naturschutzgebiet «Grande Cariçaie». Wir freuen uns auf eine Mittagspause am Strand, aber nein, der Zugang ist gesperrt wegen einer morschen Brücke. Erst in Yvonand sind wir wieder happy, wir gönnen uns eine längere Pause am See. Danach ist die Luft raus, ein Reifen ist platt. Zum Glück lässt sich das Velo mit pumpen zufriedenstellen, einen Schlauchwechsel brauchen wir nicht auch noch. Obwohl wir den ganzen Tag dem Neuenburgersee entlang fahren, setzen wir nie einen Fuss in den gleichnamigen Kanton.

Wir checken im 4-Stern-Hotel ein und lungern herum, irgendwie hat uns die gemütliche Etappe müde gemacht. Dennoch raffen wir uns auf, spazieren an den See, geniessen die Abendstimmung und bummeln durch die sehenswerte Altstadt.


Yverdon (VD) – Lausanne (VD) / 56 km, 330 Hm

Kaum zu glauben, wir nehmen die letzte Etappe der Mittellandroute in Angriff und im Gegensatz zu gestern rollt es heute wie von selbst. Zuerst treffen wir auf viel Landwirtschaft in der Plaine de l’Orbe. Ab La Sarraz wird es hügelig und es geht durch mehrere entzückende Dörfer.

Eine tolle Abwechslung ist der lang gezogene Waldabschnitt in der Region Bussigny. Darauffolgend tauchen Rebhänge auf und in der Ferne wird es städtisch. Schneller als erwartet sind wir am Lac Léman und somit bald in Lausanne und am Ziel. Als Belohnung gönnen wir uns ein Gelati bevor wir die Fahrräder in die Metro verladen und in unser tolles Hotel mit Blick auf die Kathedrale fahren.

Zufällig ist eine gemeinsame Bekannte in der Stadt und so stossen wir zu dritt auf unseren Erfolg an und entdecken ein tolles Restaurant in der Altstadt. Zur Feier des Tages gönne ich mir ein Dessert, das „chaud froid au citron“ ist ein Gedicht und ein wunderbarer Abschluss einer fantastischen Woche mit viel Wetterglück. Wie heisst es so schön: Wenn Engel reisen, lacht der Himmel.


Fazit zur Mittellandroute

  • Mir hat die Mittellandroute super gefallen. Es sind keine grossen Steigungen zu bewältigen und die Routenführung ist attraktiv. Spannend zu sehen, wie sich von Ost nach West die Landschaft verändert, die Häuser anders aussehen und natürlich überquert man die Sprachgrenze. Zudem ist es ein tolles Gefühl, das ganze Land mit dem Velo zu durchqueren.
  • Unterwegs waren wir zu zweit und mit ganz normalen Tourenvelos (ohne Motor) und mit Gepäck. Verpflegt haben wir uns mittags aus dem Rucksack. Es gibt überall wunderschöne Picknickplätze.
  • Die Unterkünfte haben wir in der Regel am Abend für den nächsten Tag reserviert, man darf so allerdings nicht allzu wählerisch sein. Für die kleinen B&B empfiehlt sich etwas Vorausplanung, obwohl in diesem Fall die Flexibilität verloren geht.

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